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| ... der interessanteste Roman und das allerwichtigste Buch in deutscher Sprache. Marcel Reich-Ranicki Das Deutsche Wörterbuch (DWB) ist das mit großem Abstand umfangreichste Wörterbuch der deutschen Sprache. Auf über 67.000 Druckspalten enthält es in 33 Bänden ca. 350.000 Stichwörter - zum Vergleich: Das große (achtbändige) Wörterbuch der deutschen Sprache des Duden-Verlages umfaßt ca. 175.000 Einträge. Das DWB ist das Grundlagenwerk der historischen Semantik, erarbeitet aus einem Bestand von über 25.000 Quellen. Es bietet in alphabetischer Ordnung den Wortschatz der neuhochdeutschen Schriftsprache, zeichnet die Geschichte der Wörter von ihrem ersten Auftreten in der Schriftlichkeit bis zur Gegenwart des Artikelautors nach, verfolgt die Verästelungen der semantischen Entwicklung, stellt sie in chronologischer Abfolge dar und dokumentiert sie mit Belegen aus den Quellen. Für viele Wörter ergeben sich so lückenlose Belegreihen vom Althochdeutschen des 8. Jahrhunderts bis ins 20. oder 21. Jahrhundert. Die Wortartikel geben Aufschluß über die Etymologie (Herkunft) der Wörter, über den Formenbestand, über regionale und diastratische Besonderheiten des Gebrauchs. Diese weitgespannte Konzeption erschließt dem Wörterbuch über den engen Bereich der Sprachwissenschaft hinaus einen weiten Kreis von Benutzern. Es wendet sich auch an Literaturwissenschaftler, Vertreter historischer Disziplinen und interessierte Laien, um Fragen nach Herkunft, Form, Bedeutung und Gebrauch von Wörtern zu beantworten, wie sie entstehen können bei Lektüre, Interpretation und Edition von (historischen) Texten, bei der Behandlung kultur- und sozialgeschichtlicher Themen, bei journalistischer Recherche zu aktuellen (politischen) Schlagworten, letztlich auch bei der Erarbeitung anderer Wörterbücher. Geplant und begonnen wurde das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) in den frühen 30er Jahren des 19. Jahrhunderts; geschuldet ist es einem Politikum: der Entlassung der Brüder aus ihren Göttinger Professorenämtern infolge ihrer Weigerung, den persönlichen Treueid auf den neuen Hannoverschen König zu leisten, der die Verfassung abgeschafft hatte (Göttinger Sieben, vgl. die Tafeln zur Geschichte des DWB*). Das Wörterbuch, das sie sich zur Aufgabe machten, sollte ein heiligthum der sprache (DWB I, Vorrede Sp. XII) sein, in einer Zeit ohne nationale Einigung, es sollte ein wissenschaftliches Werk sein und die "Naturgeschichte der Wörter" darstellen, aber auch, im Geist der Romantik, dem hausbedarf (ebd. Sp. XIII) dienen, dem einfachen Leser den Reichtum der deutschen Sprache vermitteln. Abgeschlossen werden sollte es noch in der Lebenszeit der Brüder als sechs- bis siebenbändiges Werk (der 1. Band erschien 1854). Als Jacob Grimm starb, war das Wörterbuch bis zum Buchstaben F, genauer gesagt bis zum Stichwort Frucht vorangeschritten. Abgeschlossen wurde es erst 1960, 1971 ergänzt durch das Quellenverzeichnis, nachdem über 120 Bearbeiter das Werk der Grimms fortgesetzt hatten. Beginnt das DWB seine Geschichte mit der Begründung der wissenschaftlichen Germanistik durch die Grimms, so begleitet es die Geschichte dieser Wissenschaft über 100 Jahre; in der Liste der Bearbeiter finden sich illustre Namen von Wissenschaftlern wie Rudolf Hildebrand, Moriz Heyne, Matthias von Lexer, Hermann Teuchert oder Fritz Tschirch, die ihr Fach tiefgehend geprägt haben. Mit seiner Konzeption eines beleggestützten, historischen Bedeutungswörterbuches hatte das Deutsche Wörterbuch Vorbildwirkung für lexikographische Unternehmungen in anderen Sprachen. Ähnlich umfangreiche Standardwerke wurden u.a. für das Niederländische (Woordenboek der Nederlandsche Taal, 1882 ff.) das Englische (New English Dictionary / Oxford English Dictionary, 1888 ff.), das Schwedische (Ordbok öfver svenska språket, 1898 ff.) und das Dänische (Ordbog over het danske sprog, 1919 ff.) begonnen, und zum Teil werden diese Wörterbücher in Weiter- oder Neubearbeitungen noch bis in die Gegenwart fortgeschrieben. Die Neubearbeitung ihrer natur nach können bücher dieser art erst gut werden bei zweiter auflage Jacob Grimm Die lange Bearbeitungszeit des DWB hat, bedingt durch die unterschiedlichen lexikographischen Stile der Bearbeiter, durch die Entwicklung neuer wissenschaftlicher Paradigmen und vor allem durch das Fortschreiten der Sprachentwicklung bei aller Konsequenz der Grundkonzeption zu Uneinheitlichkeiten, Unausgewogenheiten, auch Mängeln geführt. Die Überlegungen zu einer Erneuerung und Aktualisierung des DWB setzten so schon in der Schlußphase des Erstbearbeitung ein. Vor allem die noch von den Grimms selbst erarbeiteten Abschnitte A - F können, nach fast 150 Jahren, modernen Ansprüchen an ein Wörterbuch nicht mehr vollständig genügen. Die Materialbasis vieler Artikel ist schwach, nicht selten behelfen sich die Grimms mit aus dem eigenen Sprachgefühl gebildeteten Belegen. Die Artikelstruktur ist uneinheitlich, nicht selten unsystematisch, vor allem Jacob Grimm neigt zu einem eher subjektiven Darstellungsstil und zeigt eine Tendenz zu normativ-sprachpflegerischem Urteil; Fremdwörter werden nur zurückhaltend aufgenommen. Daß aufgrund des großen zeitlichen Abstands aus heutiger Sicht Lücken im Wortbestand bzw. bei den eruierten Bedeutungen festzustellen sind, verwundert nicht. Aus den genannten Gründen wird seit den frühen sechziger Jahren eine Neubearbeitung des DWB erstellt (vgl. die Tafeln zur Neubearbeitung*). Diese Neufassung stellt kein "Supplement" zu den entsprechenden Teilen der Erstfassung dar, sondern ein eigenes, neues Wörterbuch nach modernen lexikographischen Prinzipien, basierend auf einem Quellencorpus, das sich zwar in Teilen mit dem der Erstbearbeitung deckt, jedoch die nichtbelletristische Literatur stärker berücksichtigt. Gemäß dem Beschluß der beiden Trägerakademien, der Berliner und der Göttinger Akademie der Wissenschaften, soll zunächst der noch von den Brüdern selbst verfaßte Abschnitt A - F neu gefaßt werden. Der Abschluß dieser Arbeiten ist für das Jahr 2012 geplant. Eine weitere Erneuerung des DWB wurde in dem Beschluß offengelassen. Es steht aber außer Frage, daß das große nationale Wörterbuch der deutschen Sprache auch in seinen übrigen Teilen einer beständigen Erneuerung und Aktualisierung bedarf. * Die Tafeln waren Bestandteil einer Ausstellung, mit der im Jahr 2004 das 150-jährige Jubiläum des Erscheinens von Band 1 der Erstausgabe begangen wurde (s. http://150-grimm.bbaw.de). Alle Angaben auf diesen Tafeln entsprechen dem damaligen Stand.
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